Debatte um das House of Finance
Donnerstag, 23. April 2009, 15:34
Abgelegt unter: Frankfurt, universität | Tags: , ,

House of Finance

Noch nicht einmal ein Jahr lang steht das “House of Finance” auf dem Campus Westend. Schon lange bevor es fertig war, stand das Projekt zwischen Prestige und Pranger, spätestens seit der Randale im vergangenen November sind die Positionen verschärft. Gestern sollte eine Podiumsdiskussion im Casino auf dem Campus Westend darüber aufklären, was es mit dem HoF auf sich hat. Drei studentische Vertreter der Goethe-Universität Frankfurt diskutierten mit zwei Professoren des House of Finance über das umstrittenen Gebäude. Matthias Arning, Lokalchef der Frankfurter Rundschau, moderierte das Gespräch. Ein aufschlussreicher Abend.

Fünf Monate ist es her, seit Autonome das House of Finance auf dem Campus Westend besetzt und darin randaliert haben. Am 26. November 2008 stürmten vermummte Personen nach einer studentischen Vollversammlung das Gebäude, beschmierten die Wände, zerstörten Kameras, kauften ein ohne zu bezahlen, griffen Mitarbeiter an und hinterließen eine Spur der Verwüstung. Auch das benachbarte IG-Farben-Gebäude blieb nicht verschont.

Spätestens seit diesem Tag ist die Kluft zwischen Befürwortern und Kritikern des HoF deutlich geworden. Auf meinen Blogbeitrag beim Pflasterstrand folgten 55 Kommentare, die diese Polarisation zum Ausdruck brachten. House of Finance – Fluch oder Segen? Zwischen diesen beiden Extremen bewegte sich die Debatte. Doch wie auch immer man zum House of Finance stehen mag: Keine Meinungsfreiheit rechtfertigt Gewalt, welche die Freiheit anderer einschränkt. Wer für Solidarität an der Uni einsteht, kann nicht einfach eine Gruppe diskriminieren.

Die Diskussion gestern Abend sollte die Vorurteile ausräumen und Klarheit schaffen: Ein Grundkurs in Sachen House of Finance. Dabei wurde deutlich, dass einige Einwände der Kritiker auf einem vorgefertigten Bild von Menschen, die sich mit der Wirtschaft auseinandersetzen, beruhen. Dabei werden vor allem die Verantwortlichen für die Finanzkrise mit den Wirtschaftswissenschaftlern in den selben Topf geworfen. Die Kritiker mutmaßen, dass im House of Finance die nächsten skrupellosen Kapitalisten, die ‘Krisen-Macher’ herangezüchtet werden. Helmut Siekmann, Professor für Geld-, Währungs- und Notenbankrecht, meinte dagegen: “Wenn es das House of Finance nicht gäbe, müsste es in der Finanzkrise erfunden werden.” Im HoF würde man die Zusammenhänge klar machen und sich mit der Frage beschäftigen, was zu tun ist, damit so etwas nie wieder vorkomme. “Wer soll sich sonst mit der Krise beschäftigen, als die Wirtschaftswissenschaftler,” sagte Reinhard Schmidt, Professor für Internationales Bank- und Finanzwesen. “Nicht jeder, der sich mit der Konjunktur befasst, ist Schuld an ihr. Im House of Finance wird die Krise nicht angerührt.”

Podiumsdiskussion zum House of Finance
Auf dem Podium (von links nach rechts): Christian Schmidt (VWL), Reinhard Schmidt (HoF), Matthias Arning (FR), Nadia Sergan (AStA).

Die Einwände gegen das House of Finance betreffen vor allem eine Art von Elite-Denken, eine Abgrenzung und damit Benachteiligung anderer Studenten. Reinhard Schmidt, verteidigte das HoF als Wissenschaftsförderung. Das HoF sei eine Klammer für die Institute, die bereits früher bestanden haben, wie etwa die Goethe-Business-School. Es schaffe bessere räumliche Bedingungen für die Arbeit an einer guten interdisziplinäre Wissenschaft und Lehre. ‘Exzellenz’ sei ein ambivalentes Stichwort. Es gibt einen heftigen Wettbewerb und Mittel und internationales Ansehen. “Ein bisschen Wettbewerb tut gut,” sagte Schmidt. Frankfurt sei zwar in Mitteleuropa die “beste Adresse”. “Aber das bedeutet nicht: Wir sind was besseres. Wir wollen Professoren wie alle anderen sein.” Selbst Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann würde sich als Honorarprofessor wie jeder andere benehmen.

Ein weiterer Kritikpunkt ist die Förderung durch Drittmittel, durch welche sich das HoF zur Hälfte finanziert und wegen der manche die Freiheit der Forschung und Lehre gefährdet sehen. Auch Reinhard Schmidt sieht allen Grund zur Befürchtung. Diese Finanzierung schaffe zwar Abhängigkeit, aber beeinflusse nicht die Freiheit der Forschung und Lehre. Gegen vereinzelte Einmischungen der Förderer würde man sich früh zur Wehr setzen. Helmut Siekmann, Professor für Geld-, Währungs- und Notenbankrecht, stellte richtig: “Das House of Finance ist keine private Einrichtung und sie wird es auch nie sein.” Doch auch Siekmann räumt ein: “Die Neutralität der Wissenschaft ist permanent gefährdet und muss ständig verteidigt werden.” Außerdem sprach sich Siekmann gegen die Bürokratisierung der Wissenschaft aus, die die Forschung ausbremse.

Misstrauen wecken auch der eingeschränkte Zugang, wie etwa zur Bibliothek und die Überwachungstechnik im HoF. Zu den Kameras am House of Finance äußerte Wolfgang König, Geschäftsführender Direktor des House of Finance, dass diese nur an den Notausgängen angebracht seien und sich nur aktivierten, wenn jemand den Alarm auslöse. Zudem ginge eine Kamera an, wenn aus der Bibliothek ein gesichertes Buch herausgetragen werde. Die Kameras in den Hörsälen seien nur für Übertragungen von Vorlesungen in andere Hörsäle vorgesehen. Eine solche Technik ist auch im Hörsaalzentrum installiert. Wolfgang König wies außerdem darauf hin, dass sie Sicherheitstechnik nötig sei, weil Unbekannte “um das Haus schleichen würden”, die Gegenstände zwischen die Türen der hinteren Ausgänge steckten, um sich unbefugten Zugang zu verschaffen. Siekmann verteidigte Sicherheitsmaßnahmen wie das Abschließen von Türen als notwendig gegen Diebstahl. Der Volkswirtschafts-Student Christian Schmidt kritisierte, offene Lehre sei hinter verschlossenen Türen nicht möglich und man würde so die Studenten unter Generalverdacht stellen. Reinhard Schmidt äußerte den Wunsch nach einer Bibliothekskraft, welche die Bibliothek künftig beaufsichten soll.

Die AStA-Vorsitzende und Politikstudentin Nadia Sergan, die sich unmittelbar nach der Besetzung des HoF mit den Randalierern solidarisiert hatte, legte gestern Abend ihre Argumente am wenigsten überzeugend dar. Sie übertrieb mit Aussagen, die ein Denken in Extremen offenbarte: “Das House of Finance unterstützt die Vormachtstellung der Wissenschaft, die sich mit dem ökonomischen Joch der Menschen befasst. Es betreibt eine Erziehung zur Ellenbogengesellschaft.” Sergan verließ sich auf Parolen und Vorurteile, statt auf fundiertes Hintergrundwissen und ließ sich folglich von den überlegenen Professoren die Show stehlen. Die beiden argumentierten souverän, nüchtern und sachlich. Bei ökonomischen Themen konnte Sergan mit diesen Schwergewichten der Wirtschaftswissenschaft nicht mithalten. Reinhardt und Siekmann brauchten keine großen rhetorischen Künste, um ihre Verteidigung glaubhafter zu machen als die Gegenseite ihren Angriff. Den Kern ihrer Botschaft brachten die beiden Professoren auf den Punkt als sie die Studenten einluden: “Kommen Sie und sehen Sie selbst.”

FAZIT: Die Diskussion hat einen Beitrag zum Dialog geleistet. Vorurteilen und Kritik wurden Argumente entgegengebracht, die es ernsthaft zu überdenken gilt. Doch dazu muss die Bereitschaft bestehen, sich von ideologischen Grabenkämpfen zu lösen. Es bleibt abzuwarten, ob das House of Finance seinem Anspruch gerecht werden kann. Die Absichten erscheinen lobenswert, wenn man das Einstehen für eine gute Wissenschaft zum Maßstab nimmt. Ob von dem Erfolgskonzept auch die Studenten anderer Fachbereiche profitieren können, wird die Zukunft zeigen. Auf jeden Fall sollte die Imagepflege nicht nur nach außen, sondern auch nach innen betrieben werden, damit das HoF auch als das anerkannt wird, was es sein will: Ein Bestandteil der Goethe-Universität.