Vorwort statt eines Romans
Donnerstag, 25. Februar 2010, 00:21
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Hosen runter: Nackte Tatsachen.

Lieber Leser,

nachdem ich genug gelesen und auch selbst erlebt habe, schrieb ich einen Roman. Dabei folgte ich dem ästhetischen Prinzip der Intertextualität (näheres dazu bei Julia Kristeva et al.). Um aus gegebenem Anlass der Möglichkeit eines Plagiatsvorwurfs zu entgehen, sehe ich mich genötigt, gleich im Vorfeld meine Quellen zu nennen.

Mein Roman steht irgendwo zwischen den Traditionen des Schelmen- und des Bildungsromans, er lehnt sich sehr an die Blechtrommel an, welche sich wiederum bei Goethe und Grimmelshausen bedient, wobei ich zugeben muss, diese nur in Auszügen gelesen zu haben. Allerdings übernehme ich keine Verantwortung dafür, dass diese Autoren wiederum aus zahlreichen (mir nicht bekannten) Werken abgeschrieben haben. Stattdessen nehme ich mir ein Beispiel an unserer Bundesregierung, das Diebesgut anderer zu verwenden, solange es einem guten Zweck dient – und dieser mein eigener ist.

In dem Buch kommen folgende Motive vor: Freundschaft (vgl. Gilgamesch usw.), Liebe (vgl. Shakespeare: Romeo und Julia usw.), ein Krieg (vgl. Homer: Ilias usw.), eine Reise (vgl. Homer: Odyssee usw.), Familie (vgl. Thomas Mann: Buddenbrooks), ein Bewusstseinsstrom in Form einer scriptura continua (vgl. James Joyce: Ulysses usw.) und Tod (vgl. Leben usw.). Zudem sind alle essayistischen Ausführungen über Meeresbiologie Frank Schätzing sowie alle Beschreibungen mittelalterlicher Architektur Umberto Eco und Ken Follett zu verdanken.

Manche Passagen weisen eine starke Ähnlichkeit zu einem Werk der modernen amerikanischen Literatur auf. Es handelt sich um Stellen, die ich selbst frei übersetzt und in meinen Roman eingebaut habe. Doch das ist nicht als Plagiat, sondern lediglich als Hommage an ein Vorbild zu verstehen. Und ist nicht auch die Arbeit eines Übersetzers mit der eines Schriftstellers gleich zu setzen?

Bei aller Inspiration sei eines garantiert: Sämtliche Beschreibungen von Nachtclubs habe ich genauso selbst erlebt und sofort – nachdem mein Kater abgeklungen und mein Gedächtnis wiedergekehrt ist – am nächsten Tag aufgeschrieben. Nur die Namen sind verändert. Vor allem den Namen meiner Ex-Freundin, mit der ich in meinem Roman endlich abrechne. Alle übrigen Personen und Handlungen sind frei erfunden. Weitere Ähnlichkeiten mit fiktiven und lebenden Personen sind rein zufällig, wenn auch unvermeidlich. Die Hauptfigur habe ich habe zwar dem Roman “Fallgruber” entlehnt, aber dafür vorsorglich in “Grabfüller” umbenannt. Hoffentlich werden auch alle die Anspielung verstehen.

Am Schluss habe ich mir ausgemalt, wie wohl ein bestimmtes unvollendeter Roman ausgehen könnte und dieses Ende in meinem eigenen Text verwirklicht. Welcher Roman gemeint ist, habe ich damit markiert, dass eine Figur “Kafka!” sagt. Damit dürfte alles klar sein. Es ist durchaus möglich, dass mein Buch noch andere Zitate enthält, von denen ich nichts weiß, da ich noch nicht mit allen Werke der Weltliteratur vertraut bin. Ich bitte um Nachsicht. Anbei finden Sie eine ausführliche Literaturliste. Sollte sich jemand immer noch bestohlen fühlen, so bitte ich, nicht gleich vor Gericht zu ziehen, sondern sich vorher mit mir in Verbindung zu setzen.

Nun, da ich meinen ganzen Roman ausgebreitet habe, fragen Sie sich bestimmt: Was ist denn an dem ganzen Werk Original zu nennen? Sehen sie mein Werk als das eines Kollektivwesens an. Originalität wird sowieso überschätzt. Alle Dichter sind nunmal Lügner – außer mir, natürlich, der so ehrlich ist, Sie im Voraus über die Mogelpackung zu informieren. Ich bitte um Nachsicht für meine fehlende Einbildungskraft und hoffe, dass sie auch eine Collage zu schätzen wissen und den Künstler trotzdem honorieren, der sich die Mühe gemacht hat, diese zu montieren. Nach aller Vorwegnahme kann ich mir den Roman selbst jetzt sparen: Stellen Sie sich einen unterhaltsamen Schmöker vor, der trotz seiner zahlreichen Unoriginalitäten seine Daseinsberechtigung hat, weil er nützt und erfreut.

Mit freundlichen Grüßen

Der Autor