Alles echt!
Freitag, 12. Februar 2010, 13:42
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Alles echt? Alles Käse!

Der Schwachsinn geht weiter: In der Debatte um Helene Hegemanns “Axolotl Roadkill” hat die FAZ heute den Autor der Plagiatsvorlage herbeizitiert, einen Blogger namens “Airen”. Ein anderer Blogger, “Glam”, schiebt in der selben Ausgabe ein Manifest des Bloggens hinterher. “Echt” ist das Wort der Stunde. Eine Entgegnung.

“Ein guter Blog zeichnet sich vor allem durch eine Qualität aus: Echtheit.” So darf heute der Blogger “Glam”, alias Volker Ludewig, im Feuilleton der FAZ schreiben. Menschen sollen offen über ihr “Leben und Erleben” berichten und dabei “Authentizität” durchscheinen lassen. “Fangen Sie an zu bloggen – Sie werden sehen, das Mitteilungsbedürfnis wird zur Lawine.” – In der Medizin nennt man das auch Logorrhoe, Sprachdurchfall. Und den Betroffenen zuzuhören, ist meistens kein Vergnügen.

Die kränkelnde Metapher einmal beiseite gelassen, ist es auch so haarsträubend genug, wie sich die Einfalt in einer der besten Zeitungen der Welt breit machen darf. Einerseits trennt der Autor Literatur und Blogs, indem er jene als erfunden, diese aber als “echt” definiert. Andererseits nennt er Blogs dann doch Literatur, aber eben eine, die “Wahrheit abbildet”, die “das Leben in glorioser Echtheit beschreibt”. Blogger sollen die Wahrheit schreiben und wer fabuliert, der lügt. “Man entwickelt ein Gespür dafür, wer die Wahrheit schreibt und wer fabuliert. Wer fabuliert fliegt auf, es ist ähnlich wie bei denen, die stehlen.”

Natürlich dürfen Seitenhiebe auf Helene Hegemann nicht fehlen: Blogger geben angeblich ihre Quellen an. In der “Copy-Paste”-Kultur des Internets ist eine solche Behauptung fraglich. Vor allem, da alles, was digital ist, auch kostenlos zu sein hat. Diese Kultur verfolgen auch die Blogs. Aber in der “Blog-Sphäre” entstehe Intertextualität, laut “Glam”, durch “wissentliches willentliches gegenseitiges Inspirieren”. Fragt sich nur, wie sie sonst entstehen kann? Auf jeden Fall würden nicht “echte” Textpassagen “zwecks Authentizierung der eigenen Fiktion” kopiert werden. Sie seien “keine Word-Bastelvorlage für Autoren, deren Fähigkeiten für die Schöpfung einer glaubhaften fiktiven Realität nicht ausreichen.” Das Fazit: “Selber leben! Selber schreiben! Echt SEIN, nicht originell.” Demnach hätten Textmonteure wie Thomas Mann oder Alfred Döblin, eigentlich alle Literaten, keine literarische Daseinsberechtigung.

Das Spielchen, das die FAZ vor einigen Tagen begonnen hat, geht munter weiter: Wieder wird die Qualität von Literatur an Erfahrungen des Autors festgemacht. Wieder werden Kunst und Literatur unzulässig miteinander vermischt. Was man nicht selbst erlebt hat, ist demnach auch literarisch nichts wert. Auch Airen, so heißt es im Interview in der FAZ, habe alles so erlebt, wie er es in seinem Roman “Strobo” beschreibe. Zwar seien alle Namen darin erfunden, die Geschichten ein paar Tage nach den Erlebnissen “nachgebildet” und der Anspruch “authentisch” zu schreiben sei ohnehin unerfüllbar. Aber trotz dieser (nicht ungewichtigen) Einschränkungen sei alles ECHT. Airen entkräftet sich selbst, wenn er sagt, sich beim Schreiben an das Gefühl der “Originalerfahrung” nur annähern zu wollen. Das Gleiche ist eben nicht das Selbe.

Der einzige vernünftige Satz von “Glam” betrifft die “großen Autoren”, also die gedruckten Literaten: “Sie erfinden eine Realität, in die der Leser eintaucht, die er als wahr akzeptiert.” Der Autor übersieht dabei, dass die Leser seines Blogs ebenso verfahren. Texte sind immer fiktional, sind inszeniert, sind Kunst-Produkte. Es gibt einen Unterschied zwischen Wahrheit und Realität. Und diese Differenz denkt man beim Lesen mit. Texte spielen immer in einer virtuellen Realität, können aber trotzdem “Wahrheit” enthalten. Das ist kein Widerspruch.

Literatur entsteht nicht, wie manche Schwärmer glauben, aus dem Herzen, sondern aus dem Kopf. Schreiben ist zunächst ein Reflexionsprozess, ist immer mittelbar. Man selektiert: Was kommt rein, was nicht? Und man entscheidet: Wie drücke ich etwas aus? Texte sind keine Erlebnisse, sie können höchstens aus ihnen heraus entstanden sein. Aber sie haben mit dem Erlebten schließlich nichts mehr zu tun. Kunst ist selbst dann keine Abbildung, wenn sie eine sein will.

Erlebt die Literatur im Internet eine Rückkehr zum antiken Mimesis-Ideal? Ist die Nachahmung des Lebens das Credo einer neuen Generation von Literaten? Wer so naiv ist, der braucht dringend einmal Nachhilfe in Literaturtheorie. Es täte gut, wenn die Schreiberlinge wüssten, wovon sie sprechen, bevor sie ihre Leser für dumm verkaufen. Das gleiche gilt auch für die Medien. Nach solcher Zeitungslektüre erscheint nicht Hegemann als Schwindler, sondern ihre Kritiker.