Tod eines Schwanzlurchs
Mittwoch, 10. Februar 2010, 12:49
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axolotl

Fraget nun wen ihr auch wollt mich werdet ihr nimmer erreichen
Schöne Damen und ihr Herren der feineren Welt!
Ob denn auch Werther gelebt? ob denn auch alles fein wahr sei?
Welche Stadt sich mit Recht Lottens der Einzigen rühmt?
Ach wie hab ich so oft die törigten Blätter verwünschet,
Die mein jugendlich Leid unter die Menschen gebracht.
Wäre Werther mein Bruder gewesen, ich hätt ihn erschlagen,
Kaum verfolgte mich so rächend sein trauriger Geist.

So klagte Goethe 1788 in seinen Römischen Elegien über den Werther-Kult seiner Zeit. Bis heute wird er von diesem Geist verfolgt, wenn immer noch “Die Leiden des jungen Werther” mit denen seines Autors verglichen werden. Und selbst die Autoren von heute bleiben nicht davon verschont, dass ihre Werke nach Autobiografischem abgegrast und als “Spiegel der Seele” betrachtet werden. In der Debatte um Helene Hegemanns Roman “Axolotl Roadkill” kann man das erneut beobachten: Die Verwechslung von Realität und Fiktion.

Was ist passiert? Eine Siebzehnjährige hat einen vielgerühmten Roman geschrieben, nun wird sie des Plagiats bezichtigt. Sie habe aus dem Roman “Strobo” eines Autors namens “Airen” abgeschrieben. In der zweiten Auflage ihres Buches steht nun eine nachträgliche Danksagung. Nun scheitert das Originalgenie am Urheberrecht. Die FAZ, die zunächst dem neuen Nachwuchswunder zwei große wohlwollende Besprechungen gewidmet hat, schlägt nun ganz andere Töne an.

In der heutigen Ausgabe wird Hegemann als “Produkt” bezeichnet, als “jetzt-schock-ich-Euch-mal-Musterware”. Und es wird die Frage aufgeworfen, ob das Buch “gar kein Individuum zum Autor hat, sondern das Kulturestablishment selber, das sich so ein Wunderkind vorstellt”. Schließlich könne sich eine so junge Person gar nicht so viel Hintergrundwissen angelesen haben, vielleicht habe auch der Vater geholfen, der Dramaturg und Texte-Arrangeur der Berliner Volksbühne ist, und “ihr solche Stellen hineingeschrieben”.

Nicht viel besser, wenn auch wohlwollender, klingt das am Tag zuvor: Hegemann berichte von Erfahrungen, die sie nicht selbst gemacht haben könne, “weil sie beispielsweise für den bekannten Berliner Technoclub ‘Berghain’, in den man erst mit einundzwanzig hineinkommt, zu jung ist.” Die Erfahrungen des Autors “Airen” hingegen seien “echt”. Die kluge Dichterin habe es lediglich versäumt, die Quellen nachzuweisen, “aus denen ihrer Selbsterfahrungsprosa strömt”. Es folgt eine Auflistung der anderen mutmaßlichen Quellen: Salinger, Kerouac, Brinkmann, Rimbaud, Benn, Burroughs, Jünger.

In solchen Besprechungen zeigt sich ein doppelter Unsinn: Erstens wird die Qualität von Literatur daran festgemacht, wie wahrscheinlich und authentisch das Erzählte ist. Die Literatur wird ständig danach abgegrast, was der Autor davon selbst erlebt, was er sich ausgedacht und was er gelesen haben könnte. Zweitens wird der Anspruch gestellt, seine Quellen kenntnlich zu machen, als handle es sich um eine wissenschaftliche Abhandlung mit Fußnoten. Wenn man das immer tun würde, dann gäbe es mehr Fußnoten und Bibliografien als Text. Dann hätten findige Kritiker, Amateurleser und später auch Literaturwissenschaftler kaum noch Vergnügen an der detektivischen Suche nach Verweisen, Zitaten und Anspielungen.

Die Kritiker übersehen, haben vergessen, oder nie gewusst, dass Literatur nichts weiter als ein Netz von Zitaten ist. Das Originalgenie, das immer noch von den Feuilletons kultiviert wird, gibt es nicht. Von daher ist es völlig gleichgültig, ob etwas “wirklich erlebt” oder “selbst ausgedacht” ist. Texte verweisen immer auf andere Texte, sie funktionieren ohne die Frage nach der Autobiografie des Autors und ohne Fußnoten. Literatur sollte für sich selbst stehen und ob sie gut ist, sollte sich lediglich daran entscheiden, ob sie diesem Anspruch gerecht wird und für sich selbst funktioniert. Eine Behandlung wie die derzeitige erteilt dem Werk eine eindeutige Absage. Goethe hat umsonst geklagt. In über 200 Jahren Literaturgeschichte hat sich nicht viel geändert.