
Endlich ist sie wieder da: Die Premieren-Fassung von Metropolis! Die “Special Extended Edition”, der “Director’s Cut”, “Metropolis Naked” oder einfach nur “Das Original” – aber leider immer noch ohne Ton, Farbe, Computereffekte und 3D. Dafür “digital remastered” und eine halbe Stunde länger. Das heißt: Noch langatmiger, noch pathetischer, noch sentimentaler. Gestern Abend feierte er nach über 80 Jahren seine zweite Premiere. Die Zuschauer wurden Zeugen eines Stücks Filmgeschichte.
Wird man sich den Film bald noch einmal auf DVD holen müssen? Handelt es sich um essentielles Material, das aus den Archiven geborgen werden konnte? Ist die Lang-Fassung von Metropolis so bedeutend wie die von “Herr der Ringe”? Das werden die Fans entscheiden müssen. Auf jeden Fall ist der Film jetzt so, wie er gedreht und nicht wie er nachträglich entstellt wurde. Es fehlen nur noch wenige Minuten. Erst jetzt kann man den Film wirklich beurteilen. Bis dato waren alle Kritiken, die nicht die Uraufführung zur Grundlage hatten, ebenso fragmentarisch wie der Film.
Fritz Langs Stummfilmklassiker ist noch immer kein guter Film. Interessant ist er allemal. Seine Qualitäten sind historisch: Metropolis zeigt die Filmkunst der Zwanziger auf dem Höhepunkt ihrer Möglichkeiten. Metropolis überwältigt vor allem durch seine Kolossalität, die sich in den Bauten, den Modellen und anderen visuellen Effekten zeigt. Metropolis ist der Avatar der Weimarer Republik. Beide Filme sind mehr fürs Auge als fürs Hirn angelegt und setzen lieber auf das Emotionale. “Mittler zwischen Hirn und Hand ist das Herz”, lautet die Moral bei Metropolis und kommt damit genauso plakativ daher wie die Öko-Friedens-Botschaft von Avatar.
Doch Metropolis ist auch als Zukunftsvision interessant. Die anfangs dargestellte Dystopie einer hierarchisch gegliederten Welt, in der Maschinen den Takt angeben und deren Glanz auf der Arbeit der Unterschicht aufbaut, ist aus heutiger Sicht zwar nichts neues, aber sie nimmt in Metropolis ihren Anfang. In der Stadt bestimmt die Wirtschaft die Politik, die Hohe Gesellschaft schwelgt in Dekadenz, während die Arbeiter zu einem Rädchen im Getriebe deklassiert werden. Der Mensch wird selbst zur Maschine, zum Maschinenmenschen. An diesem Höhepunkt eskaliert die Ordnung im Klassenkampf. Die Versöhnung der beiden Sphären zum Schluss ist das Utopischste an dem Film, den die Geschichte längst eingeholt hat.
So bleibt Metropolis ein ambivalenter Film: Einerseits ein Zeugnis seiner Zeit und seiner Kunst, zugleich visionär und fortschrittskritisch; andererseits viel zu plump und naiv. Metropolis bewegt sich ständig auf dem schmalen Grat zwischen Kunst und Kitsch. Gerade wegen dieser Ambivalenz, die genausogut für die Epoche steht, in der der Film entstanden ist, ist Metropolis immer noch sehenswert. Nicht zuletzt auch wegen seines Einflusses in die Bildersprache, die fest in unserem kulturellen Gedächtnis verankert ist.
Am spannendsten dürften die Geschichten um den Film herum sein: Seine Entstehung, seine Wirkung und Rekonstruktion.