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Premiere im Schauspiel Frankfurt: Der Dramatiker Roland Schimmelpfennig hat das “Weiße Album” der Beatles ins Deutsche übertragen, Regisseur Florian Fiedler hat es auf der Bühne inszeniert. Herausgekommen ist eine Mischung aus Live-Konzert und Theater. “Das Weiße Album” ist die Bühnenshow, die “Sgt. Pepper” zu sein nur vorgibt.
Im Jahr 1968 hatten die Beatles ihre beste Zeit hinter sich. Nach dem Konzeptalbum “Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band” und der halbherzigen “Magical Mystery Tour” schien die Luft raus zu sein. Konzerte gaben die Beatles schon seit 1966 keine mehr, Sgt. Pepper war so etwas wie eine fingierte Live-Show auf Platte. Das nächste Album sollte ein doppeltes werden. Die Beatles hatten 30 Stücke ausgewählt, einen wilden Mix aus verschiedenen Stilen, Gesellschaftskritik, Avantgarde und Nonsense. So stringent das Vorgängeralbum erschien, so planlos wirkte der Nachfolger. Das machte sich schon an der Hülle bemerkbar. Im Gegensatz zum bunten Pepper-Cover hatte das neue Album weder ein Motiv noch einen Titel. So wurde es als das “Weiße Album” bekannt.
Heute, 42 Jahre später, ist das “Weiße Album” – wie alles von den Beatles – ein Klassiker. Nun wurde das konzeptlose Album bühnentauglich gemacht, als wäre es nachträglich die Show, die Sgt. Pepper hätte werden können. Im Schauspiel Frankfurt singen und spielen sich fünf Schauspieler und vier Musiker durch die ganze Platte, allerdings in verkehrter Reihenfolge und mit deutschen Texten.
Was nach einem gewagten Experiment klingt, funktioniert bemerkenswert gut. Vor einer Wand aus weißen Quadraten geben neun weißgekleidete Künstler auf der Bühne zum Besten, was viereinhalb Beatles in monatelanger Tüftelei im Studio vollbracht haben. Es beginnt am Ende mit “Good Night”, das noch einfach mit “Gute Nacht, schlaf gut” zu übersetzen ist. Doch dieses Schlaflied wird mit dem wilden “Helter Skelter” zu einem Medley verwoben. “Rauf und runter” heißt es in der deutschen Fassung, was der Achterbahn-Metapher immerhin sehr nahe kommt. Mit den übrigen Übersetzungen kann man sich meist gut anfreunden: “Honeypie” wird zur “Zuckermaus”, “While my guitar gently weeps” zu “Weil du niemals wirklich liebst”, “Bungalow Bill” zu “Reihenhaus Karl”. Nur “Happiness is a warm gun” klingt einfach besser als “Das Glück ist eine Hetzjagd”.
Das Arrangement der Musik ist bemerkenswert, weil es stark von dem des Albums abweicht: Schnelle Stücke werden langsam, langsame Stücke schnell. Neben Akustik- und E-Gitarre, Schlagzeug und Klavier, wird auf Keyboards, Cello, Kontrabass, Akkordeon, Mandoline, Ukulele und singender Säge gespielt. Selbst die Klangcollage “Revolution 9″ ist kurz aus dem Off zu hören.
Die Schauspieler tanzen, hüpfen wild herum, spielen mit Cowboyhut oder Barock-Kostüm Szenen aus den Songs nach. Das wirkt oft lustig, meistens albern, aber es entspricht der Anlage des Albums, das genauso (selbst)ironisch daherkommt. Leider fehlt den Schauspielern bei manchen Stücken die Gesangsstimme mit Durchsetzungsvermögen, sodass sie von der Musik übertönt werden und die Texte schwer zu verstehen sind. Jedoch muss man der Inszenierung zugute halten, dass sie sich nie darum bemüht, das Original zu kopieren. Stattdessen lebt die Aufführung von der Frische der freien Interpretation.
“Das Weiße Album” bietet anderthalb Stunden prächtige Unterhaltung, die Lust macht, mal wieder das Original anzuhören und (vielleicht digital remastered) auf jeden Fall neu zu entdecken. Nach dieser Show dürften Inszenierungen von “Sgt. Pepper” und “Abbey Road” nicht fehlen. Oder wenigstens “Let It Be” – als Konzert auf dem Dach.