Die “Norbert-Wollheim-Universität”
Dienstag, 26. Januar 2010, 13:27
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Goethe Universität Frankfurt. Bild von Lukas Gedziorowski

“Deutschland denken heißt Auschwitz denken” stand im Dezember auf einem Transparent am Casino des Campus Westend. Was war da los? Bildungsstreik. Was hatte das miteinander zu tun? Nichts. Genausowenig wie das Anarchie-Symbol, das gleich daneben hing. Zu allem Überfluss wurde die Frankfurter Goethe-Universität in “Norbert-Wollheim-Universität” umbenannt, was die Erinnerung an den November 2008 weckte, als man das “House of Finance” für den Moment der Randale “Karl-Marx-Haus” umtaufte. Wie diese Aktionen endeten, ist bekannt: Mit Zerstörung und Gewalt. Diejenigen, die Bildung wollten, haben sich der Unkultur schuldig gemacht. Der “Bildungsstreik” ist gescheitert.

Goethe Universität Frankfurt. Bild von Lukas Gedziorowski

Doch noch immer belagern die Bildungsstreikenden das Foyer des ehemaligen IG-Farben-Gebäudes. Noch immer finden “Workshops” statt, die sich mit der Überwachung auf dem Campus und mit seiner nationalsozialistischen Vergangenheit, aber sich nur am Rande mit dem eigentlichen Problem, der BILDUNG, beschäftigen. Schließlich pflegen diese selbsternannten Studentenvertreter noch immer die Unart, von der “Norbert-Wollheim-Universität” zu sprechen. Norbert Wollheim (1913-1988) war in Auschwitz Zwangsarbeiter für die IG-Farben. Nach dem Krieg verklagte er den Konzern erfolgreich auf Schadenersatz und legte damit den Grundstein für weitere Entschädigungszahlungen für die Opfer. Über sein Engagement für eine bessere Bildungspolitik ist jedoch nichts überliefert.

Nun soll nach Ansicht mancher Studenten die Universität nach Wollheim benannt werden. Vor einer Woche wurde eine solche Universität sogar “wiedereröffnet”. Die Initiative läuft im Rahmen des “Bildungsstreiks”. Mittlerweile hat die Aktion auch einen eigenen Blog.

Darauf ist in der Rubrik “Was ist die NWU?” zu lesen, dass es eigentlich um ein “alternatives Bildungsprogramm” gehen soll. Und wieder stellt sich die Frage: Was hat die Bildungspolitik mit der “NS-Geschichte des neuen Campus” zu tun? Nichts. Wieder werden zwei Themen zusammengeschmissen, die von der eigentlichen Diskussion ablenken und Studenten vergraulen, die sich vielleicht für das eine, aber nicht für das andere interessieren.

Eine Notwendigkeit, den Namen zu ändern, besteht nicht. Goethe macht sich als Namenspatron eigentlich immer noch ganz gut. Soweit wir wissen, war er nicht in den Holocaust involviert, nein, er war noch nicht einmal Parteimitglied oder bei der SS. Hinter der Umbenennung steht etwas ganz anderes als Gedenkkultur und Geschichtsbewusstsein. Die Verantwortlichen instrumentalisieren das hochsensible Thema als Vehikel für ihre Propaganda. Und so laufen Workshops zu allen möglichen Themen unter dem Deckmantel der Erinnerungskultur.

Es wird der Uni-Leitung vorgeworfen, den Bezug des Campus Westend zu den Nazis zu vertuschen und die Bezeichnung “IG-Farben-Gebäude” durch “Poelzig-Ensemble” (nach dem Architekten) ersetzt zu haben. Das ist Unsinn. Noch immer ist “IG-Farben” der geläufigere, weil eindeutigere Begriff. Das hat wohl vor allem seinen Grund darin, dass man ständig an die Vergangenheit des Gebäudes erinnert wird: Vor dem Haupteingang steht eine große Gedenktafel, im ganzen Haus hängen Infotafeln zur Geschichte des Gebäudes als Dauerausstellung, zu der es auch eine Broschüre und ein Begleitbuch gibt, und in einem ehemaligen Pförtnerhaus ist seit einem Jahr das “Norbert-Wollheim-Memorial” eingerichtet, in dem man sich den ganzen Tag über aus erster Hand informieren kann. Was will man mehr?

Norbert Wollheim Memorial. Bild von Lukas Gedziorowski

Manchen ist es offenbar ein Sakrileg, dass die Universität überhaupt in das Gebäude eingezogen ist. In Flyern, die immer wieder von Unbekannten an die schwarzen Bretter gehängt wurden, war vom “Fluch der braunen Mordburg im Frankfurter Grüneburgpark” zu lesen. “Die Brutalarchitektur der Nazis hat sich an der expressionistischen Architektur des Hans Poelzig orientiert”, heißt es darin. “In diesem Gebäudekomplex zu studieren, der bereits zweimal von notorischen Kriegsverbrechern genutzt wurde, kommt einer Generationen übergreifenden Strafe gleich, die an diesem verfluchten Ort das lange Siechtum der deutschen Kultur sichtbar werden läßt.” Solche Wortexkremente mögen vielleicht von einer seltenen extremen Form des Schwachsinns zeugen, aber leider werden solche Stimmen immer lauter – ohne dass sie repräsentativ wären.

Aber wieder zurück zu gemäßigteren Tönen: Bei aller Erinnerungskultur darf man nicht vergessen, was das Gebäude und das Gelände heute sind: Ein Campus. Und als solcher ist er zuerst eine Denk- statt einer Gedenkstätte. Das Haus ist kein ehemaliges Konzentrationslager, sondern ein Bürogebäude. Welche bessere Verwendung kann es dafür geben, als hier die Bildung gedeihen zu lassen, damit sich die Geschichte im Schlechten nicht wiederholt? Die derzeitige Lösung ist ein gelungener Kompromiss zwischen Geschichtsbewusstsein und Zukunftsorientierung. Das sollten sich mal manche durch den Kopf gehen lassen. Aber das scheint aussischtslos angesichts einer Aktion, die “Bildungsstreik” heißt. Denn wenn Bildung streikt, dann versagt vor allem das Denken.