Avatar – Der zweite Versuch
Samstag, 23. Januar 2010, 11:13
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Avatar

Surrogates

Während die Hysterie um James Camerons Avatar um sich greift, ist nun ein Film in die Kinos gekommen, der sich des Themas “künstliche Identität” ernsthafter annimmt: Surrogates – Mein zweites Ich. Eine Gegenüberstellung von Utopie und Dystopie.

Nun, da James Cameron seine Büchse der Pandora geöffnet hat, verspricht Avatar der erfolgreichste Film aller Zeiten zu werden. Damit ist er mit Titanic und Fluch der Karibik 2 in guter Gesellschaft, denn die Liste der höchsten Einspielergebnisse repräsentiert nicht gerade den Kanon der Filmgeschichte – schon allein weil die meisten der Filme aus den letzten zehn Jahren stammen.

Die FAZ widmete Avatar bereits drei Mal den Aufmacher im Feuilleton. Zuerst wurde der Film in seiner Bedeutung mit Citizen Kane verglichen, dann wollte man eine neue Frauenrolle darin erkannt haben. Schließlich wurde die Rezeption in China und den USA gegenübergestellt. Während die Regimekritiker in China den Film feiern, weil er sie auf Ideen bringt, werfen die Konservativen in den Vereinigten Staaten dem Film “Antiamerikanismus” vor. Avatar mag vieles sein: Spektakel, Hingucker, Materialschlacht, Popcornkino. Aber die Debatte um diesen Film zeigt vor allem eins: Er ist völlig überschätzt.

Es wurde bereits kritisiert, James Cameron hätte bei Pocahontas oder Der mit dem Wolf tanzt geklaut. Doch diese Verweise allein sind noch nicht der Rede wert, da man mit solchen Argumenten die meisten Filme auseinandernehmen könnte. Tadelnswert ist an Avatar vor allem, dass die Handlung vorhersehbar ist, völlig ohne Überraschungen auskommt und nur Stereotypen auftreten lässt. Da haben wir den zynischen Draufgänger, der sein weiches Herz entdeckt, wir haben den bösen Militär-Heini, der die Ausgeburt an Testosteron verkörpert, es gibt eine “Dian Fossey”-Figur (nicht zufällig verkörpert von Sigourney Weaver) und natürlich gibt es die schöne, leidenschaftliche, exotische Frau, die den Helden die Seiten wechseln lässt.

Schließlich ist die lahme Konstruktion verpackt in viele bunte Bilder und krachende Action-Szenen. Es gibt viele Monster zu sehen wie bei Peter Jacksons King Kong und Roboter wie bei Terminator – Die Erlösung. Der Kampf zwischen den Eingeborenen und den Menschen ist natürlich auch ein Kampf zwischen Natur und Technik, und erinnert zudem stark an Die Rückkehr der Jedi-Ritter, in dem die kleinen Ewoks-Teddys dem Imperium den Garaus machen. Zu alldem darf auch die Öko- und Friedens-Botschaft nicht fehlen: Schützt die Natur und seid nett zueinander. Die kommt zwar etwas zu plakativ daher, ist aber immer noch besser als völliger Effekte-Nonsens, bei dem man sich fragt: Was soll das alles eigentlich? Und in “Zeiten wie diesen” könnte man den Film sogar für seine Aufklärungsarbeit am Publikum loben.

Ach ja: Für alle, denen die vielen bewegten bunten Bilde nicht reichen, und für alle, die schon immer die Räumlichkeit im zweidimensionalen Medium Film vermisst haben, gibt es neben dem Raumklang Dolby 5.1 noch den visuellen 3D-Effekt. Die fehlende ihnhaltliche Tiefe des Films kann dieser aber nicht wettmachen.

Worüber kaum jemand ein Wort verliert, ist der Titel des Films und seinen Bezug zur Handlung. Avatar heißt “Herabkunft” und bezieht sich auf die körperliche Manifestation einer Gottheit auf der Erde. Avatar meint aber im digitalen Kontext den künstlichen, also virtuellen Stellvertreter einer lebenden Person. Der Avatar-Held im Film ist beides: Herabgestiegener einer fremden Welt und zugleich ein Mensch in einer künstlichen Hülle. Diese Hülle ist tückisch: Sie lässt den querschnittsgelähmten Helden wieder laufen und schließlich tauscht er seinen echten, defekten Körper endgültig gegen seine künstliche Inkarnation ein – wie schön, wenn das so einfach wäre. Unter diesem Blickwinkel zeigt sich “Avatar” als das was es ist: Reiner Eskapismus. “World of Warcraft” mit Botschaft. Der Planet Pandora wird zum Sinnbild der Weltflucht. Hier kann man jemand anderer sein, ein Held. Der Vorwurf, der Star Wars Episode I gemacht wurde, der Film gleiche einem Computerspiel, trifft am besten auf Avatar zu.

Der Film Surrogates wird seinem Titel in einer anderen Weise gerecht. In naher Zukunft gehen die Menschen nicht mehr aus dem Haus, sondern steuern von dort aus Roboter, durch die sie leben. Diese “Surrogates” (Ersetzungen) sehen ihren Operatoren oft ähnlich, stellen aber immer ein Idealbild der Menschen dar. Sie sind so, wie die Menschen sein wollen aber nicht sein können. Bruce Willis spielt die Hauptrolle in dieser Schönen Neuen Welt. Als Polizist versucht er eine Waffe ausfindig zu machen, mit der man nicht nur die Surrogates zerstört, sondern auch die jeweils steuernden Menschen tötet.

Surrogates folgt dem klassischen Schema von Dystopien. Der Film überspitzt eine Tendenz der Gegenwart, in der Menschen bei “World of Warcraft” heiraten und sich von den Massenmedien diktieren lassen, wie sie auszusehen haben. Mit dieser Vision wird der Entfremdung der Menschen voneinander durch “künstliche Identitäten” eine Absage erteilt. Leider wird das hier ebensowenig subtil gemacht wie bei Avatar, leider entbehrt auch Surrogates der innovativen, überraschenden Ideen. Und trotzdem: Hier endet die Weltflucht nicht im Traumreich, nicht auf fernen Planeten, nicht in der Matrix oder im Paradies sondern in der Realität – der immer noch besten aller Welten.




  • Münchhausen sagt:

    Ich fand den Film sehr interessant, schade nur dass über die Umstände auf der Erde sowenig Information herrausgerückt wurde.

    Die Darstellung der Soldaten war sehr unamerikanisch (Zuhause Helden, hier nurmehr Söldner die um ihr Überleben kämpfen), die Ureinwohner waren sehr romantisiert, dadurch konnte allderings der Kontrast zwischen technokratisch am Abgrund steheden Menschenwelt und der harmonischen Naturwelt dargestellt werden.