ROM – Ein Reisebericht (Teil 8)
Mittwoch, 30. September 2009, 20:32
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Goethe-Denkmal in Rom. Foto von Lukas Gedziorowski

Des Reiseberichts letzter Teil: Zum Schluss machen wir uns auf die Spuren Goethes, wir bekommen ein wenig Heimweh und verabschieden uns von Rom.

Am Ende unserer Stadtbesichtigung waren wir so sattgesehen, dass wir nur noch im Vorbeigehen einige Restbestände aufsuchten, die sich bis dahin unserer Aufmerksamkeit entzogen haben. Als fromme Germanisten, die wir nun mal sind, wollten wir auch den Pilgerstätten des Goethetums einen Besuch abstatten. Wer im Frankfurter Goethe-Haus und in Weimar gewesen ist, der muss auch, wenn er schon mal in Rom ist, auch am örtlichen Goethe-Denkmal und im Goethe-Haus vorbeischauen.

Am Park der Villa Borghese im Norden der Stadt steht das Goethe-Denkmal. Es ist ein Geschenk der Deutschen an die Stadt Rom aus dem Jahr 1904. Typischerweise erstrahlt auch dieses Denkmal in weißem Stein, auch wenn es bereits ein wenig abgenagt und schmutzig ist. Oben auf einer Säule steht der Meister selbst, mit Weste, Frack und Kniebundhose, den Umhang im Rücken, den Blick nach oben gerichtet. Zu seinen Füßen sind drei Skulpturengruppen, die antikisiert Figuren aus Goethes Werken darstellen: Iphigenie und Orest, der Harfner und Mignon aus Wilhelm Meister, sowie Faust und Mephistopheles.

Goethe-Denkmal in Rom. Foto von Lukas Gedziorowski

Iphigenie wirkt etwas zu kalt, Mignon etwas zu reif und zu weiblich für ein androgynes Kind. Nur das Zweiergespann von Faust und Mephisto erscheint gelungen, besonders letzterer zeigt eine ausdrucksstarke Mimik. Wir verweilten einen Augenblick im Schatten des Denkmals und blickten von dort aus auf den schönen Park.

Harfner und Mignon. Foto von Lukas Gedziorowski

Faust und Mephistopheles. Foto von Lukas Gedziorowski

Vom Denkmal aus ist es nicht weit zur Casa di Goethe in der Via del Corso – die letzte Station unserer Rom-Reise. Das einzige deutsche Museum im Ausland ist Goethes Italienreise gewidmet und befindet sich in dem Haus, das der Dichter einst bewohnt hat. Rote Fahnen weisen darauf hin, dass sich hinter der unscheinbaren Fassade ein Museum verbirgt. Man muss klingeln, damit sich die Haustür öffnet, dann geht es über die Treppe aufwärts – wie in einem gewöhnlichen Wohnhaus. Das Museum nimmt eine Etage des Hauses ein. Am Eingang begrüßt uns das Goethe-Porträt von Andy Warhol. An der Kasse kann man Postkarten, Poster und andere Fan-Artikel kaufen. Die vier Euro Eintritt lohnen sich.

Das Museum vermittelt dem Besucher einen guten Eindruck davon, wie es für Goethe gewesen sein muss, nach Italien zu reisen und in Rom zu leben. Es wird nicht versucht, eine Stube mit Mobiliar und anderen Requisiten nachzustellen, sondern mit einer Dauerausstellung über das Italien-Erlebnis des Dichters zu informieren. Nur die Decke aus Holz soll angeblich noch original sein. In Goethes ehemaliger Stube steht das Fenster halb offen, wie auf dem Aquarell von Tischbein, auf dem Goethe von hinten zu sehen ist, während er aus dem Fenster guckt. Der Blick führt heute in eine enge Gasse. Gegenüber kann man in Büros hineinschauen, unten stehen Tische und Stühle eines Lokals.

Goethe in Rom. Aquarell von Tischbein

Am 3. September 1786 flieht Goethe vor dem Kleinstadtmief Weimars gen Süden. Ohne vorher seinen Chef, den Herzog, um Erlaubnis zu fragen oder sich bei irgendwem abzumelden brennt Goethe durch und macht seinen lang gehegten Traum war, Italien zu bereisen, das Land, das er von Bildern und Erzählungen seit der Kindheit kennt. Sein Vater ist dort gewesen, er selbst hat als Kind Italienisch gelernt, die Antike ist damals schwer in Mode. “Früh drei Uhr stahl ich mich aus Karlsbad, weil man mich sonst nicht fortgelassen hätte”, heißt es zu Beginn der Italienischen Reise. Goethe hat es eilig. Über den Brenner reist er nach Verona, macht einen Abstecher nach Venedig, passiert Ferrara und Bologna, streift Florenz, und am 1. November kommt er endlich in Rom an – ein befreiendes Erlebnis. Von nun an geht es Goethe gelassen an.

Tischbein: Goethe in der Campagna. Skizze

Obwohl er sich davongestohlen hat, kommt mit seiner Nacht-und-Nebel-Aktion gut davon: Sein Chef gewährt ihm nachträglich bezahlten Urlaub. In Rom zieht Goethe in einem Haus auf der Via del Corso (schon damals eine der Hauptstraßen Roms und heute eine Einkaufsstraße) bei dem deutschen Künstler Johann Heinrich Wilhelm Tischbein ein. Goethe hat noch etwas gut bei dem Maler, er hat ihm zu einem Stipendium verholfen, das ihm seinen Rom-Aufenthalt zu Studienzwecken ermöglichte. Tischbein nimmt den zwei Jahre älteren Goethe gerne auf. Die beiden ziehen gemeinsam um die Häuser, Goethe lässt sich die Kunstschätze der Stadt zeigen. Abends hängen sie zusammen herum, trinken Wein und unterhalten sich über Kunst. Weitere Künstler gesellen sich dazu, auch der Dichter Karl Philip Moritz. Man diskutiert miteinander, erweitert Horizonte. Goethes Aufenthalt ist also kein Erholungsurlaub, er will sich “ausbilden”.

Goethe unter Künstlern. Zeichnung von Friedrich Bury

In der Künstler-WG blüht der sonst als steif bekannte Goethe auf. Er selbst nennt sein Leben in Italien eine “zweite Jugend”. Diese Wandlung hat Tischbein in Skizzen festgehalten: Wir sehen Goethe, wie er kindlich auf einem Stuhl wippend ein Buch liest, wir sehen die beiden Männer ausgelassen kindisch auf dem Sofa herumalbern. Bei so viel Verkehr mit Malern und Bildhauern greift Goethe selbst zum Zeichenstift. Seine dichterischen Arbeiten kommen ebenfalls nicht zu kurz. Goethe erlebt eine “Wiedergeburt” als Künstler, er schreibt an Iphigenie, Egmont, Tasso und Faust. Glücklich ist, wer Rom so erleben darf: Unter Freunden, unter Gleichgesinnten, unter ästhetischen Eindrücken und kreativem Ausdruck.

Goethe in Rom. Zeichnung von Tischbein

Tischbein: Zwei Männer auf dem Sofa

Die Geschichte dieser für Goethe äußerst ergiebigen Reise zeichnet die Ausstellung in der Casa di Goethe nach. In Vitrinen liegen Originaldokumente und die Beschreibungen und Zitate lassen sich in drei Sprachen (Deutsch, Englisch, Italienisch) mit Schubladen herausziehen. An den Wänden hängen Kupferstiche von Rom-Ansichten aus dem 18. Jahrhundert, sowie Werke von Goethe, Tischbein und Co.

Nach der Besichtigung kaufte ich mir zwei Postkarten und einen Kunstdruck des Tischbein-Aquarells, auf dem Goethe dem Betrachter den Rücken zuwendet. Wir gehen wieder hinaus auf die belebte Via del Corso und streiften ein letztes Mal durch die Stadt. In der noblen Einkaufsstraße Via … hatte sich eine Menschentraube angesammelt und behinderte den Verkehr. Der Grund: Claudia Schiffer kam zu Besuch in eine Parfümerie. Wir blieben kurz stehen, sahen Claudia Schiffer kommen und unter Blitzlichtgewitter in der Parfümerie verschwinden. Der Anblick ließ mich kalt, der Rummel nervte ein wenig, wir gingen weiter und ließen die Dekadenz der Luxusläden hinter uns. Der Goethe, den ich nicht leibhaftig vor mir gesehen hatte, bewegte mich stärker als die Begegnung mit der lebenden Prominenz.

Zufällig stießen wir auf die Buchhandlung Herder, die einzige deutsche Buchhandlung in Rom. Als wir das Sortiment durchstöberten merkte ich wieder, wie wohl ich mich unter deutschen Büchern fühle. Der Besuch in der Casa di Goethe hatte mich nicht nur einem Stück Literaturgeschichte näher gebracht, sondern auch wieder der deutschen Sprache und Kultur zurückgeführt, mich geistig aus Rom herausgeführt. So zog es mich anders als Goethe wieder zurück in die Heimat. So schön Rom auch ist, so gerne ich es erlebt habe, so gerne reiste ich auch wieder ab, nahm meine Eindrücke mit nach Hause und verarbeite sie zu Neuem. Der erste Schritt ist getan: Hier endet meine eigene Italienische Reise.